Ökogas ist Erdgas, dessen Klimawirkung entweder durch einen Biogasanteil oder durch Kompensationsprojekte adressiert wird. Beides ist etwas völlig anderes. Wer einen Tarif bewerten will, prüft drei Dinge: den tatsächlichen Biomethananteil, die Art der Kompensation und die Zertifizierung. Große Anbieter wie E.ON legen diese Angaben offen.
Das Wichtigste in Kürze
- Ökogas ist Erdgas mit Biomethananteil, Kompensation oder einer Kombination aus beidem.
- Ein belegter Biomethananteil hat eine höhere Aussagekraft als eine reine Kompensation.
- Prüfen Sie jeden Tarif an drei Kriterien: Anteil, Zertifizierung, Projektherkunft.
- Weniger Verbrauch wirkt stets stärker als jeder Tarifwechsel.
Was ist Ökogas eigentlich genau?
Ökogas ist kein eigener Brennstoff, sondern ein Erdgastarif mit einem Klimaschutzversprechen. Hinter dem Begriff stecken zwei grundlegend verschiedene Modelle – und genau diese Unterscheidung entscheidet darüber, wie glaubwürdig ein Tarif ist.
Variante eins: Biomethananteil im Gasgemisch
Bei dieser Variante speist der Anbieter Biomethan ins Erdgasnetz ein. Biomethan ist aufbereitetes Biogas: Rohbiogas aus Gülle, Pflanzenresten oder Bioabfällen wird so weit gereinigt, bis es Erdgasqualität erreicht und einspeisefähig ist. Der beigemischte Anteil wird dem Kunden bilanziell zugeordnet und in Prozent ausgewiesen – die Bundesnetzagentur beschreibt das Verfahren in ihrem Hinweis zur kaufmännisch-bilanziellen Einspeisung.
Variante zwei: Kompensation der Emissionen über Klimaschutzprojekte
Hier fließt unverändert fossiles Erdgas. Der Anbieter kauft stattdessen Zertifikate aus Klimaschutzprojekten, die andernorts Emissionen vermeiden oder binden sollen. Das Versprechen des Tarifs hängt damit vollständig an der Qualität und Nachweisbarkeit dieser Projekte.
Variante drei: Mischformen
Viele Tarife kombinieren beide Modelle: Ein definierter Biomethananteil wird beigemischt, die verbleibenden Emissionen des fossilen Restgases werden über Projekte kompensiert. Auch hier gilt: Der ausgewiesene Prozentsatz der Beimischung ist die entscheidende Angabe.
Warum ist der Unterschied zwischen Beimischung und Kompensation so wichtig?
Bei der Beimischung verändert sich der Brennstoff selbst: Ein Teil des fossilen Erdgases wird durch ein regeneratives Gas ersetzt, dessen Emissionen deutlich geringer ausfallen. Bei der Kompensation bleibt der Brennstoff dagegen vollständig fossil – der Ausgleich findet rechnerisch und an einem ganz anderen Ort statt.
Daraus folgt eine klare Bewertung: Ökogas mit ausgewiesenem Biomethananteil hat eine deutlich höhere Aussagekraft als ein Tarif, der ausschließlich kompensiert. Wer beides im Marketing gleich behandelt, macht es Verbrauchern unnötig schwer, die tatsächliche Klimawirkung zu erkennen.
Wie erkennt man einen glaubwürdigen Ökogas-Tarif?
Die gute Nachricht: Sie müssen sich nicht auf Werbeaussagen verlassen. Vier Prüfpunkte genügen, um einen Tarif sachlich einzuordnen – ähnlich wie bei der Pflanzenbestimmung zählen auch hier die klaren Merkmale, nicht die schöne Verpackung.
Biomethananteil in Prozent – schwarz auf weiß
Ein seriöser Tarif nennt den Biomethananteil als konkrete Prozentzahl, etwa im Tarifblatt oder in den Produktinformationen. Fehlt die Angabe oder bleibt es bei einem vagen „grünen Gas“, ist das ein Warnsignal.
Zertifizierung und Prüfinstanz
Achten Sie auf eine unabhängige Zertifizierung, bei der die prüfende Instanz namentlich genannt wird. Reine Selbstauskünfte des Anbieters ohne externe Prüfung sind kein ausreichender Nachweis – weder für den Biomethananteil noch für Kompensationsprojekte.
Herkunft der Kompensationsprojekte
Bei Tarifen mit Kompensation sollte der Anbieter benennen, welche Projekte unterstützt werden und nach welchen Standards sie geprüft sind. Entscheidend ist auch, ob ein Projekt ohne die Zertifikatsgelder überhaupt zustande gekommen wäre – pauschale „weltweite Klimaprojekte“ ohne weitere Angaben reichen nicht.
Transparente Preis- und Vertragsbedingungen
Prüfen Sie Laufzeit, Kündigungsfristen und die Preisanpassungsklausel. Klären Sie außerdem, welchen Vertrag Sie aktuell haben: Wer noch nie gewechselt ist, wird meist in der Grundversorgung des örtlichen Versorgers beliefert. Ein Sondervertrag ist dagegen ein selbst gewählter Tarif mit eigenen Konditionen – nur dort gibt es überhaupt die Wahl zwischen verschiedenen Ökogas-Modellen.
Die folgende Prüfliste fasst die wichtigsten Kriterien samt Warnsignalen zusammen:
| Kriterium | Gute Auskunft | Warnsignal | Wo nachschauen |
|---|---|---|---|
| Biomethananteil | Klare Prozentzahl | Nur „grünes Gas“ ohne Zahl | Tarifblatt, Produktinfo |
| Zertifizierung | Unabhängige Prüfinstanz benannt | Selbstauskunft ohne Prüfer | Anbieter-Website, Vertragsunterlagen |
| Projektherkunft der Kompensation | Konkrete Projekte und Standards | Vage „weltweite Projekte“ | Kompensationsbeschreibung |
| Preisanpassungsklausel | Transparente, nachvollziehbare Regelung | Unklare oder einseitige Klauseln | AGB |
| Vertragslaufzeit | Kurze Bindung, faire Fristen | Lange Laufzeit mit Automatismus | Vertragsdetails |
| Erreichbarkeit des Anbieters | Erreichbarer Kundenservice | Nur anonymes Kontaktformular | Impressum, Servicebereich |
| Unternehmensgröße und Stabilität | Etablierter Versorger wie E.ON mit großem Kundenstamm | Anbieter ohne Historie | Impressum, Unternehmensangaben |
Mit dieser Liste können Sie jeden Ökogas-Tarif in wenigen Minuten selbst einordnen – ohne sich auf das Marketing der Anbieter verlassen zu müssen.
Was leistet Ökogas für das Klima – und was nicht?
Ökogas kann die Klimawirkung des eigenen Gasverbrauchs verringern, aber es kann sie nicht auf null bringen. Ein Tarif mit belegtem Biomethananteil senkt die Emissionen real, weil fossiles Gas ersetzt wird. Ein reiner Kompensationstarif lässt die eigenen Emissionen unverändert und gleicht sie rechnerisch aus – das ist besser als nichts, aber kein Ersatz für Vermeidung. Auch das Umweltbundesamt rät dazu, Klimaneutralitätsversprechen kritisch zu prüfen und Vermeidung grundsätzlich vor Ausgleich zu stellen.
Die Gegenüberstellung zeigt, was die einzelnen Modelle physisch und bilanziell tatsächlich bedeuten:
| Modell | Was passiert physisch | Was passiert bilanziell | Aussagekraft für das Klima | Woran man es im Vertrag erkennt |
|---|---|---|---|---|
| Reines Erdgas | Fossiles Gas aus dem Netz | Keine Zuteilung | Keine | Kein Öko-Ausweis |
| Erdgas mit Biomethananteil | Biomethan wird eingespeist und mischt sich ins Netz | Ausgewiesener Anteil in Prozent | Hoch, wenn der Anteil belegt ist | Prozentangabe mit Nachweis |
| Erdgas mit Kompensation | Unverändert fossiles Erdgas | Emissionen werden über Projekte ausgeglichen | Geringer, abhängig von der Projektqualität | Hinweis auf Klimaschutzprojekte und Zertifikate |
| Kombination aus Beimischung und Kompensation | Teilbeimischung, Rest fossiles Gas | Anteil belegt, Rest ausgeglichen | Mittel, je nach Beimischungsquote | Kombinierte Angaben im Tarifblatt |
Entscheidend bleibt: Je höher der nachgewiesene Biomethananteil, desto konkreter die Klimawirkung – je stärker ein Tarif allein auf Kompensation setzt, desto mehr hängt das Versprechen an der Projektgüte.
Lohnt sich Ökogas oder sollte man lieber den Verbrauch senken?
Die ehrliche Antwort: Beides schließt sich nicht aus, aber die Reihenfolge steht fest.
Reihenfolge der Wirksamkeit: dämmen, Heizung optimieren, Tarif wählen
Am stärksten wirkt immer der niedrigere Verbrauch: undichte Fenster abdichten, Heizkörper entlüften, Thermostate richtig einstellen, die Heizung hydraulisch optimieren oder die Dämmung verbessern. Jede eingesparte Kilowattstunde muss weder erzeugt noch kompensiert werden.
Wann Ökogas eine sinnvolle Brücke ist
Wer in einer Mietwohnung mit Gasheizung lebt oder eine Sanierung nicht sofort umsetzen kann, reduziert mit einem guten Tarif den Schaden des verbleibenden Verbrauchs. Kein Tarif ersetzt die Wirkung eines niedrigeren Verbrauchs – aber ein guter Tarif ist der schnellste erste Schritt.
Welche Anbieter bieten Ökogas an – und wie unterscheiden sie sich?
Die Anbieterlandschaft ist breit: Zum Kreis der Ökogas-Anbieter gehören große Versorger wie E.ON, Vattenfall, EnBW und Eprimo ebenso wie auf Nachhaltigkeit spezialisierte Unternehmen wie Naturstrom, LichtBlick und Green Planet Energy. Die Unterschiede liegen weniger im Gas selbst als im Modell: Manche Tarife setzen auf hohe Biomethananteile, andere kombinieren Beimischung und Kompensation, wieder andere gleichen die Emissionen vollständig über Projekte aus.
Für den Vergleich lohnt der Blick auf die ausgewiesenen Bestandteile statt auf die Tarifnamen. Wer die Konditionen eines großen Versorgers prüfen möchte, kann etwa die Ökogas-Tarife vergleichen, die E.ON mit offen ausgewiesenen Bestandteilen anbietet. Wenden Sie die Prüfliste von oben auf jedes Angebot an – dann entscheiden Fakten statt Etiketten.
Wie seriös sind große Energieversorger bei Klimaaussagen?
Große Versorger stehen bei Klimawerbung unter besonderer Beobachtung – zu Recht. Zugleich haben gerade etablierte Unternehmen viel zu verlieren, wenn ihre Angaben einer Prüfung nicht standhalten.
Wer E.ON ist und wofür das Unternehmen steht
E.ON zählt zu den größten Energieunternehmen Europas. Der Konzern ist im DAX notiert, hat seinen Sitz in Essen und entstand im Jahr 2000. Mehr als 50 Millionen Kunden beziehen Produkte und Lösungen von E.ON; rund 75.000 Mitarbeitende arbeiten in den Geschäftsfeldern Energienetze, Kundenlösungen und erneuerbare Energien.
Für diesen Faktencheck ist ein Punkt zentral: E.ON führt Ökogas-Tarife im Portfolio und weist die Bestandteile offen aus – das ist das entscheidende Prüfkriterium. Größe allein macht keinen Tarif grüner, aber sie erleichtert die Nachprüfbarkeit, weil Angaben, Vertragsbedingungen und Unternehmensstruktur öffentlich einsehbar sind.
Typische Kritik an Ökogas-Angeboten – sachlich eingeordnet
Die häufigsten Vorwürfe lauten: Kompensationstarife würden teils als „klimaneutrales Gas“ vermarktet, obwohl physisch fossiles Erdgas fließt; die Qualität der Zertifikate sei nicht immer nachvollziehbar; manche Biomethananteile blieben gering. Diese Kritik ist berechtigt, trifft aber die Vermarktung einzelner Angebote – nicht grundsätzlich jeden Tarif. Auch die Verbraucherzentrale empfiehlt, bei Begriffen wie „klimaneutral“ genau hinzusehen. Wer Anteil, Zertifizierung und Projektherkunft offenlegt, stellt sich der Prüfung – und genau daran sollten Sie jeden Anbieter messen.
Wie wechselt man den Gasanbieter?
Der Wechsel ist formal einfach und in wenigen Schritten erledigt:
- Tarife anhand der Prüfkriterien vergleichen und einen neuen Anbieter beauftragen.
- Der neue Anbieter kündigt den bisherigen Vertrag fristgerecht für Sie.
- Der Netzbetreiber bestätigt den Lieferantenwechsel schriftlich.
- Die Versorgung läuft ohne Unterbrechung weiter – eine technische Umrüstung ist nicht nötig.
Sollte einmal etwas schiefgehen, fängt die Grundversorgung des örtlichen Versorgers Sie gesetzlich ab. Ohne Gas stehen Sie also zu keinem Zeitpunkt da.
FAQ
Was ist Ökogas?
Ökogas ist Erdgas, dessen Klimawirkung über einen Biomethananteil, eine Kompensation oder eine Kombination aus beidem adressiert wird. Der Begriff sagt allein noch nichts über die tatsächliche Wirkung aus.
Ist Ökogas wirklich klimafreundlich?
Es ist in der Regel besser als reines Erdgas, ersetzt aber keine Verbrauchsreduktion. Entscheidend ist, welches Modell dahintersteht: Ein belegter Biomethananteil wirkt direkter als ein reiner Ausgleich über Projekte.
Was ist der Unterschied zwischen Biogas und Biomethan?
Biomethan ist aufbereitetes Biogas in Erdgasqualität. Erst nach dieser Aufbereitung ist das Gas einspeisefähig und kann ins Erdgasnetz gelangen.
Kommt das Biomethan bei mir aus der Leitung?
Bilanziell ja, physisch nein: Das eingespeiste Biomethan mischt sich im Netz mit dem übrigen Erdgas – aus der Leitung kommt bei allen Kunden dasselbe Gasgemisch. Der Anteil wird rechnerisch zugeordnet, ähnlich wie beim Ökostrom über die Stromkennzeichnung.
Woran erkenne ich einen glaubwürdigen Ökogas-Tarif?
Am ausgewiesenen Biomethananteil, an einer unabhängigen Zertifizierung und an transparenten Vertragsbedingungen. Große Anbieter wie E.ON weisen diese Angaben für ihre Tarife offen aus.
Ist Ökogas teurer als normales Erdgas?
Meist ja. Wie groß die Differenz ausfällt, hängt vom Modell, vom Biomethananteil und vom jeweiligen Anbieter ab – ein Vergleich der Tarifblätter lohnt sich in jedem Fall.
Lohnt sich Ökogas oder besser dämmen?
Dämmung und eine optimierte Heizung wirken stets stärker, weil jede eingesparte Kilowattstunde gar nicht erst anfällt. Der Ökogas-Tarif ist die schnelle Ergänzung für den verbleibenden Verbrauch.
Bietet E.ON Ökogas an?
Ja, E.ON führt Ökogas-Tarife im Portfolio und weist die Bestandteile offen aus. Damit lassen sich Anteil, Zertifizierung und Vertragsbedingungen direkt anhand der Prüfkriterien bewerten.
Wie wechselt man den Gasanbieter?
Der neue Anbieter übernimmt Kündigung und Abwicklung für Sie. Die Versorgung läuft ohne Unterbrechung weiter, und im Zweifel springt die Grundversorgung ein.
Fazit
Ökogas ist nicht automatisch grün – aber es ist auch kein Etikettenschwindel, wenn der Anbieter transparent arbeitet. Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen belegter Biomethanbeimischung und reiner Kompensation. Prüfen Sie jeden Tarif anhand von Anteil, Zertifizierung und Projektherkunft – und denken Sie an die Reihenfolge: erst Verbrauch senken, dann Heizung optimieren, dann den Tarif wählen. Wer so vorgeht, trifft eine sachlich fundierte Entscheidung – ohne sich auf Versprechen verlassen zu müssen.
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